Sektverkostung

Preiswunder und Spitzensekte

Zwölf Kandidaten unter zehn Euro: Deutscher Sekt ist viel besser als sein Ruf. Selbst industriell gefertigte Tropfen schlugen sich im Test überraschend gut.

Sektverkostung
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Wunder der Marktwirtschaft. 2,69 Euro kostet eine Flasche Kupferberg Gold brut im Regal des Discounters Lidl. Davon gehen 19 Prozent Mehrwertsteuer ab, 1,02 Euro Sektsteuer, hinzu kommen die Kosten für Flasche, Verschluss, Herstellung und Lager. Bleibt die Frage offen: Wer bezahlt eigentlich den Grundwein?

»Ein ordentlicher Sekt mit Flaschengärung kostet mindestens fünf Euro«, sagt Guter Rat-Wein-Experte Pit Falkenstein. Denn die Herstellung von Schaumwein ist ein aufwendiges Geschäft. Der Grundwein, versetzt mit Hefe und einer Prise Zucker, wird in Flaschen gefüllt. Eine zweite Gärung setzt ein. Kohlensäure entsteht, die nicht entweichen kann und immer feinperliger wird, je länger das Lager dauert. Am Ende muss die Hefe entfernt werden. Bei den großen Sektkellereien spielt sich dieser Vorgang allerdings statt in Flaschen in riesigen Tanks ab. Kleine Winzer, bei denen der  Kellermeister die Buddeln kopfüber in ein Gestell steckt und täglich mit einer Vierteldrehung rüttelt, können nicht unter sieben Euro produzieren.

Für dieses Geld wird aber auch einiges geboten. Deutsche Winzer, das zeigte der Test, beherrschen ihr Handwerk. Anders als noch in den siebziger Jahren. Damals dominierten namhafte Sekthäuser wie Henkell, Kupferberg oder Söhnlein den Markt mit Industrieprodukten. Am Rohstoff wurde gespart. Auf die Qualität des Weins kam es nicht an. Geschmackliche Mängel ließen sich mit reichlich Dosage, auch »dienende Süße« genannt, übertönen. Die Deutschen wollten es damals nicht anders; sie bevorzugten überwiegend einen lieblichen Geschmack.

Diese Massenfertigung gibt es immer noch. Doch daneben ist eine neue Sektkultur entstanden, der sich auch die Großen nicht völlig entziehen können. Das Kupferbergsche Preiswunder kam immerhin in die Endauswahl. Und lag dort nicht nur klar vor Dauerkonkurrent Aldi, sondern behauptete sich auch gegen wesentlich teurere Winzersekte. Die Brut-Variante von Deutschlands Marktführer Rotkäppchen belegte sogar einen formidablen dritten Rang, nur ganz knapp geschlagen von zwei Sekten aus kleinen, feinen Kellereien.

Ausgerechnet die beiden Testsieger zählen auch zu den Begründern der neuen deutschen Sektkultur. Wolfgang von Canal und Volker Raumland studierten gemeinsam vor 30 Jahren an der Weinbauhochschule Geisenheim. Im Keller der Schule richteten sie, zuerst nur aus Spaß, eine kleine Werkstatt ein, in der sie mit einfachsten Mitteln Schaumwein herstellten. Heute zählen sie zu den besten Sektmachern, ihre teuersten Kreationen kosten um die 40 Euro und halten jedem Vergleich mit gutem Champagner stand.

Trinkbarer Sekt ist aber schon viel billiger zu haben. Wenn auch manchmal auf Kosten anderer. So verdient beim Kupferberg brut die Kellerei keinen Cent, sie lastet nur ihre Anlagen aus. Discounter Lidl zahlt bei dem Geschäft sogar drauf. In der Branche gilt es als offenes Geheimnis, dass dafür Windelhöschen und Dosenfutter zu überhöhten Preisen verkauft werden. Junge Mütter und Tierfreunde subventionieren also die sparsamen Sekttrinker.

Testkriterien und Tester

Test-Kriterien Der Test verlief »blind«. Die Flaschen wurden mit Alufolie eingewickelt. Niemand wusste, was im Glas war. Auf Geruch, Geschmack, auch auf Dichte und Feinheit des Schaums (Fachwort Mousseux) kam es an. Bewertet wurde nach den deutschen Schulnoten von 1 = sehr gut (»wenn sich die Tochter unterm Weihnachtsbaum verlobt«) bis 6 = ungenügend (»in den Rinnstein gießen«).

Die Tester Christiane Dutschmann ist Sommeliere und leitet den Service im Restaurant Berlin Sankt-Moritz

Hans-Georg Schmid Der Sommelier betreibt das »slow«, einen Treffpunkt für Hobbyköche und Genießer in Berlin

Eva Buscher, Redakteurin bei Guter Rat, stammt aus Rheinhessen und kennt sich daher mit Wein- und Sektproben aus

Tilo Neuhaus ist stellver­tretender Chefredakteur bei Guter Rat

Pit Falkenstein ist Fachautor für Wein und schreibt die monatliche Wein-Kolumne »Fundstücke«

Begriffsklärung: Je herber, desto besser

Verbrauchertäuschung
Die Angaben über den Geschmack von Sekt sind eine arge Verbraucher-Täuschung, aber leider nicht zu ändern, da längst europäisches Recht. In den meisten Fällen steht »Trocken« auf den Etiketten (auch »dry«, »sec«, »seco« oder »secco«). Solche Sekte schmecken aber keineswegs trocken. Sie dürfen bis zu 35 Gramm Süße pro Liter enthalten, was sieben gehäuften Teelöffeln Zucker entspricht. Auch »Extra trocken« ist noch ziemlich mild.

Geschmackstest
Wer‘s herb mag, achte auf die Bezeichnungen »Brut« oder »Extra brut« – gewiss nicht jedermanns Geschmack. Doch der hier verwendete Wein muss von bester Qualität sein, da keine Süße vorhanden ist, die gnädig manche Geschmacksfehler verdeckt. Brut-Sekt ist deshalb auch deutlich teurer.

Zutaten
Wenn nicht »Brut natur« auf der Flasche steht, enthält jeder Schaumwein mehr oder weniger Dosage. Das ist in Wein aufgelöster Zucker. Für 2,99-Euro-Sekte muss die billigste Zutat reichen. Gute Hersteller nehmen ältere Weine. Wolfgang von Canal verwendete bei seinem »Riesling brut«, der im Test am besten abschnitt, als Dosage keinen Zucker, sondern eine alte süße Auslese.

Impressionen von der Verkostung

Fünf Damen und Herren trafen sich im »slow«, einer Berliner Begegnungsstätte für genussfähige Menschen. Normalerweise wird dort kulinarische Fortbildung geboten: Kochkurse, Weinseminare, Banketts. Genau der richtige Rahmen also für eine Sektprobe. Es galt, gute Tropfen für Weihnachten und Silvester zu entdecken. Damit das Vergnügen bezahlbar bleibt, durfte keine Flasche mehr als zehn Euro kosten.

Testergebnis: Zwölf Sektsorten unter zehn Euro

Weinautor Pit Falkenstein hatte vorgearbeitet, bei Kellereien, Weingütern und guten Winzergenossenschaften nachgefragt. Zwei Dutzend Flaschen kamen am Ende zusammen, die er an drei Tagen durchkostete. Damit alles hübsch vergleichbar bleibt, stehen nur deutsche Sekte in der von Kennern bevorzugten Geschmacksrichtung »brut« auf dem Tisch. Dies sind herbe Genüsse, bei denen zu schmecken ist, dass sie aus ordentlichen Weinen gefertigt worden sind. Falkenstein suchte Proben für den Test in Berlin aus. Die Redaktion stellte noch zwei preiswerte Schaumweine aus Discountmärkten dazu. Die Ergebnisse des Tests bergen Überraschungen.

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