Wie viel Handy ist gesund?

Die neue Droge heißt Smartphone

Das Smartphone ist aus dem Alltag kaum wegzudenken. Doch immer mehr Menschen werden abhängig von den Handys. Mit schweren Folgen. 

Guter Rat / Uwe Toelle

Dr. Peter Grampp ist Psychiater und Oberarzt am St.-Georg-Fachkrankenhaus Hubertusburg in Wermsdorf/Sachsen

Es ist nicht so, dass Dr. Peter Grampp etwas gegen moderne Technik hätte. Aber das Smartphone betrachtet der bärtige Psychiater am Wermsdorfer Fachkrankenhaus Hubertusburg mit Skepsis. »Früher beschränkte sich die Internetsucht auf Halbwüchsige, die nächtelang am Computer spielten. Mit den Smartphones breiten sich die Symptome in der ganzen Gesellschaft aus.« Der Oberarzt weiß, wovon er spricht. In seiner Sprechstunde hat er die digitalen Opfer, die sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen können, jeden Tag vor sich.   

Abhängigkeit steigt

Da ist der Patient, der wegen Depressionen kommt, und alle paar Minuten wie ferngesteuert sein Handy zückt. Oder die Frau, die mit ihrem Leben nicht mehr klarkommt und schließlich gesteht, weswegen es zu Hause dauernd Streit gibt. Grampp: »Sie stellt sich sogar nachts den Wecker, um keine Nachricht auf ihrem Smartphone zu verpassen.«

Symptome, die vielen bekannt vorkommen. Schließlich kann das Gerät so verführerisch viel: Es ist nicht nur Telefon, sondern auch Wecker, wir nutzen es als Fotoapparat, Radio, Mini-TV und Spielkonsole, wir kommunizieren die Apps von Facebook, Instagram oder Whatsapp mit dem Rest der Welt. Erst ist es nur ein reines Arbeitsmittel. »Doch wenn es eine darüber hinausgehende Bedeutung erhält und wir ständig damit hantieren, wird es kritisch«, warnt der Mediziner.   

Rund 2,5 Millionen Deutsche zwischen 14 und 64 Jahren stuft die PINTA-Studie der Drogenbeauftragten des Bundes im Ministerium für Gesundheit bereits als »problematische Internetnutzer« ein. 560 000, eine aus Ärztesicht hohe Zahl, gelten als abhängig. Dazu gehören Jungs, die Online-Spielen verfallen sind, aber mehr und mehr auch Mädchen, die in  sozialen Netzwerken beim Chatten, Posten und Liken Bestätigung suchen. Mit zunehmender Verbreitung der Smartphones - bereits 40,4 Millionen Deutsche besitzen eines – wächst die Zahl der Dauernutzer.

DOPAMIN MACHT’S Forscher der Uni Bonn haben die App  »Menthal« entwickelt, die anzeigt, wie oft und wofür das Smartphone benutzt wird. Im Schnitt aktivierten die Teilnehmer ihr Handy 80 Mal am Tag, durchschnittlich rund drei Stunden! Mehr als die Hälfte der Zeit verbrachten sie bei Sozialen Netzwerken und mit Spielen. Telefoniert wurde im Schnitt nur acht Minuten. Der Mechanismus, der einen immer wieder zum Smartphone greifen lässt, gleicht dem der Spielsucht. »Da kommt auch das Erwartungshormon Dopamin zum Einsatz, das ein positives Gefühl verschafft«, so Dr. Grampp.

DEPRESSION UND PHOBIE

Stabile Naturen freuen sich über den Hormonschub und gehen dann zur Tagesordnung über. Wer allerdings ohnehin unter Einsamkeit und Niedergeschlagenheit leidet, kommt ohne seine stündliche Dopamindosis bald nicht mehr klar. Weshalb sich unter den Smartphone-Junkies vor allem Patienten mit Depressionen, sozialen Phobien und Persönlichkeitsstörungen finden. Grampp trifft »oft Menschen, die Probleme mit Beziehungen und Bindungen zu anderen Menschen haben und die die Kontaktaufnahme im realen Leben zunehmend scheuen.« 

Noch wann wird aus der Begeisterung für die neue Technik eine Sucht? »Dazu muss ein Lebensbereich beeinträchtigt sein«, sagt Dr. Bert te Wildt. Dies sei immer der Fall, wenn man alles, was mit Leistung zu tun hat, nicht mehr hinbekommt. »Erst leiden die Partnerschaft und das soziale Umfeld. Schließlich wird sogar der eigene Körper vernachlässigt, um der Sucht nachzugehen.« Der Drang, per Anruf, SMS oder Chat mit gerade nicht anwesenden Personen in Kontakt zu treten, der Zwang, das Gerät immer empfangsbereit zu halten und im Minutentakt zu kontrollieren, sind typische Anzeichen dieser Form von Abhängigkeit. 

Solche Fälle behandeltte Wildt, Privatdozent an der Uniklinik Bochum, im Rahmen einer Gruppentherapie, gelegentlich auch mit Antidepressiva. Damit will er seine Patienten von Computerspielen völlig entwöhnen und die Nutzung von sozialen Netzwerken zumindest zeitlich begrenzen. Noch ist hierzulande, anders als in den USA, die Internet- bzw. Smartphone-Abhängigkeit als Suchterkrankung nicht offiziell anerkannt.  »Aber die Symptome sind die einer Sucht, denn Betroffene reagieren entzügig, das heißt, sie werden depressiv oder aggressiv, wenn ihr Suchtmittel nicht verfügbar ist«, sagt te Wildt.

Das zu erkennen dauert, denn es handelt sich um eine unauffällige, gesellschaftlich hoch akzeptierte Sucht, die sich als Arbeit oder Kommunikation maskiert. »Es klingt banal, aber irgendwann spürt man, dass man eigentlich einen Menschen braucht, aber mit einer Maschine hantiert«, so Dr. Grampp. »Menschen, die ihr Smartphone voll im Griff hat, müssen sich klarmachen, dass man zwar am Bildschirm viel erlebt, aber dass es nicht das reale Leben ist.«     

Raus aus der Handyfalle - So bekommen Sie Ihr Smartphone in den Griff:

1. Machen Sie sich bewusst, welchen Zweck Ihr Smartphone haben soll und welchen Zweck es tatsächlich in Ihrem Leben hat. Beim Auf-den-Bildschirm-Starren rauscht das echte Leben an Ihnen vorbei.

2. Üben Sie sich in Selbstdisziplin: Machen Sie Ihr Smartphone zu festgelegten Zeiten morgens an und abends aus. 

3. Nutzen Sie Ihr Smartphone nur, wenn es passt. Müssen Sie online sein, wenn Sie mit Freunden zusammensitzen? Müssen Sie auf dem WC E-Mails checken? Legen Sie Tabuzonen fest, z. B. bei Tisch.

4. Wenn Sie mit bestimmten Apps nicht gut klarkommen: Löschen Sie diese!

5. Mit Filtersoftware können Sie die Nutzungszeit von Apps begrenzen. Die App »Menthal« der Uni Bonn zeigt Ihnen, wie viel Zeit Sie online sind. 

6. Verbringen Sie Ihren Urlaub handy-frei! Oder schalten Sie Ihr Gerät nur zu festen Zeiten an, z. B. 1 Stunde abends.

7. Treffen Sie Freunde im richtigen Leben, verabreden Sie sich, verbringen Sie Ihre Freizeit aktiv.

8. Für Eltern: Ihr Kind braucht nicht das neueste, teuerste Smartphone. Wenn es argumentiert, dass es dann Außenseiter sei: Machen Sie Ihrem Kind Mut, anders zu sein und sich nicht dem Konformitätsdruck zu beugen. Seien Sie Vorbild!

9. Verbringen Sie intensive Zeit mit Ihrem Kind, haben Sie gemeinsam Spaß! Dann werden Sie auch ihr Smartphone nicht vermissen.

10. Für Arbeitnehmer: Niemand muss ständig erreichbar sein, auch wenn das der Chef vielleicht erwartet. Niemand wird effizienter, nur weil er mehr arbeitet, diesen Kernsatz haben auch immer mehr Firmen erkannt. Sie erwarten sogar von ihren Mitarbeitern, dass sie sich nach Feierabend und im Urlaub aus dem dienstlichen Mailverkehr ausklinken.

11. Mehr zum Thema Internet-/Handysucht und Anlaufstellen in ganz Deutschland  finden Sie hier: 

www.fv-medienabhaengigkeit.de 

www.klicksafe.de 

www.rollenspielsucht.de

 
Autor: Annette Hörnig
Artikel von Gast verfasst
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