Dickmacher im Visier

Mein Feind, das Baguette

Sie gelten als unverzichtbare Lebensmittel. Dabei lässt es sich ohne Kohlenhydrate machmal viel gesünder leben.

Dickmacher im Visier
Foto: thinkstock

Erst war es nur die Kurzatmigkeit, dann stiegen Blutdruck und Blutfettwerte, schließlich schmerzten die Gelenke bei jedem Schritt. Als Irmgard Gavilans Gewicht auf 129 Kilo geklettert war, zog die nur 1,62 Meter große Angestellte die Notbremse: »Ich beantragte eine ärztlich kontrollierte Abnehm-Kur in der Rehaklinik Überruh im Allgäu. Dort bekam ich dann sofort eine Ernährungsumstellung verordnet.«

Statt Brot, Kartoffeln, Reis, Nudeln und Kuchen gab es Fisch, Sahne, fetten Käse sowie Gemüse satt. Als Irmgard Gavilan nach drei Wochen die Klinik wieder verließ, waren die ersten drei Kilo verschwunden, Blutdruck und Fettwerte hatten sich verbessert. Weil die heute 66-Jährige der neuen Low-Carb-Ernährung auch weiter treu blieb, schmolzen in den nächsten vier Jahren insgesamt 42 Kilo. Heute wiegt die Schwäbin konstant zwischen 87 und 90 Kilo, und fühlt sich »fit wie ein Turnschuh«.

Kohlenhydrate weg, Taille (wieder) da. Die Schwäbin ist nur eine von vielen Betroffenen, die ihre Gewichts- und Gesundheitsprobleme durch eine kohlenhydratarme Ernährung in den Griff bekam. Auch Hollywood-Stars wie Jessica Alba oder Catherine Zeta-Jones bekennen sich zum figurfreundlichen Kohlenhydratverzicht. Ihr Taillen-Rettungs-Trick ist nicht neu: Schon im 19. Jahrhundert empfahl der Göttinger Medizin-Professor Wilhelm Ebstein Übergewichtigen eine kohlenhydratarme »Fleisch-Fett-Diät« als Appetitzügler.

K.O. für Sättigungshormone

Dickes Risiko
Ob Pommes, Pasta oder Pflaumenkuchen – im Körper werden alle Kohlenhydrate zu Traubenzucker (Glukose) umgewandelt. Die Zuckermoleküle werden anschließend durch das Hormon Insulin aus dem Blut in die Körperzellen transportiert. Vor allem in den Fettzellen und in der Leber wird der Zucker dann für schlechte Zeiten eingelagert; zeitgleich wird der Fettabbau gestoppt. Hüftpolster und Wohlstandsbauch wachsen. Satt aber fühlt man sich trotzdem nicht: Insulin-Schwankungen im Blut lösen neue Heißhunger-Attacken aus, da der Botenstoff die Wirkung des Sättigungshormons Leptin blockiert.

Süßes Gift
Die Zuckerschwemme im Blut hat nicht nur Folgen für die Figur: Auf Dauer verklebt sie wichtige Bluteiweiße wie Karamellbonbons die Zähne, fördert Entzündungen, schädigt die feinen Blutgefäße von Herz, Nieren oder Augen. Auch das Risiko für weitere Krankheiten steigt, von Fettleber und Diabetes über Herzinfarkt bis hin zu Krebs.

Treibstoff fürs Gehirn

Leben ohne Brot
»Eine kohlenhydratarme Ernährung mit viel Eiweiß und Fett ist auch für gesunde Menschen sinnvoll«, sagt Mediziner Frank Lange-Wühlisch aus Reinfeld bei Lübeck. Denn auf Fett und Eiweiß als Bausteine von Hormonen und Zellen kann der Mensch nicht verzichten – auf Kohlenhydrate schon. Fehlen sie, baut sich der Körper eine Art Ersatz-Zucker (Ketone). Diesen kann auch das Gehirn als Treibstoff nutzen – Krebszellen können es scheinbar nicht. Deshalb empfiehlt der Reinfelder Arzt auch seinen Krebspatienten eine fast kohlenhydratfreie Ernährung (»Ketogene Diät«). Zwar gibt es immer noch Mediziner, die Fett in der Nahrung verteufeln und Low- Carb-Diäten für ungesund erklären. Studien kommen aber längst zu anderen Ergebnissen. Einige Beispiele:

Akne
Viele Kohlenhydrate und Milchprodukte fördern hohe Blutzucker- und Insulinspiegel, eine erhöhte Talgproduktion und Entzündungen – und steigern das Pickel-Risiko (Studien). Dermatologen raten heute zunehmend zur milchreduzierten Low-Carb-Kost.

Diabetes
Atkins- und LOGI-Ernährung führten in Studien zu Gewichtsverlust und Blutzucker-Stabilisierung.

Zu hohes Cholesterin
Die LOGI-Ernährung erhöht das »gute« HDL-Cholesterin, vermindert die gefäßverstopfenden Blutfette und das Herz-Kreislauf-Risiko.

Krebs
Zucker lässt Krebszellen schneller wachsen, Fett und Eiweiß scheint sie zu schwächen. Die krebshemmende Wirkung von Fett-Eiweiß-Diäten wie der Atkins- oder der ketogenen Diät (20-40 g Kohlenhydrate/Tag) wird derzeit in mehreren Studien mit Krebspatienten untersucht. »Die ketogene Diät stoppt auch die Auszehrung, an der immerhin über 60 Prozent der Krebspatienten sterben«, sagt Dr. Lange-Wühlisch.

Guter Rat
»Orientieren Sie sich an Großmutters Ernährung«, rät Mediziner Gunter Frank. »Die isst auch nicht ständig Chips und Hamburger, sondern drei Mahlzeiten mit frisch zubereiteten Naturprodukten. Dann stimmt das Verhältnis von Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten – und im Körper ist alles in Butter.

Vorsicht: Das sind fiese Ess-Fallen

Vorsicht, fiese Ess-Fallen

Vorspeisen
Der Gruß aus der Küche hat’s oft in sich: Weißbrot mit Olivenöl, Jacobsmuschel in Blätterteig oder Frischkäse-Crostini – die Kohlenhydrat-Fett-Kombi klebt schnell wie Pattex auf den Hüften. Besser: Die Muschel pur (Eiweiß) essen, Teig-Kombis tapfer ignorieren.

Hamburger
Die Fettzellen jubeln, Herz und Figur nicht: Die Kombi aus fettem Hack, fettem Käse, gezuckerter Fettsoße und Weißbrot treibt Blutzucker und Insulin in die Höhe, Herz und Blutgefäße in die Krise, und den Dauer-Esser bald zum Arzt. Auch Fastfood-Ketten bieten gegrilltes Geflügel und Fisch an. Ohne Brot essen!

Salat mit Brot
Muss nicht sein. Viele Salate werden mit Öl-Essig-Dressings angeboten (erlaubt), neben Gemüse gibt es meist noch Zutaten wie Ente, Eier, Fleisch oder Fisch. Kombiniert mit Kohlenhydraten aus dem Brot wird die gesunde Fett-Eiweiß-Portion plötzlich zur unerwarteten Fett-Falle.

Chips
Die knackigen Kräcker aus Kartoffeln wurden jüngst von US-Forschern zum schlimmster Dickmacher erklärt, auch Pommes sollten (vergeblich) aus den US-Schulkantinen verbannt werden. Kartoffelstärke katapultiert Blutzucker, Insulin und das Gewicht nach oben.

Süßes, nein Danke: Tipps gegen die Naschlust

Low-Carb-Backtrick
Getreide- durch Mandel- oder Sojamehl ersetzen. Enthält viel Fett und Eiweiß, erhöht den Blutzuckerspiegel kaum, sättigt anhaltend. Beim Brot­backen kann auch Weizenkleie zugefügt werden.

Keine Snacks
Lieber drei volle als fünf kleine Mahlzeiten und dazwischen nichts essen. Verhindert Achterbahnfahrten des Insulinspiegels und Naschsucht. Auf Sättigungsbeilagen (Brot, Kartoffeln, Reis) verzichten.

Nüsse
Sie enthalten herzschützende Fette, sättigen anhaltend. Das hilft gegen Heißhunger auf Brot und Süßes. Extra-Trick: Eine halbe Stunde vor dem Abendessen sechs Walnusshälften oder zwölf Mandeln essen, aktivieren das Sättigungshormon CCK. Man isst weniger.

Chips-Ersatz
Kartoffelchips stehen laut einer US-Studie auf Platz eins der Dickmacher. Kohlenhydratarme und leckere Alternative: Kohlrabistäbchen oder –schnitze in der Pfanne in Fett knackig rösten. Hält den Blutzuckerspiegel flach.

Vorsicht Obst
Gesunde Weintrauben? Vorsicht! Sie treiben den Blutzucker in Rekordhöhe, fördern Hüftgold und Heißhunger. Das gilt auch für für andere Obstsorten (z.B. Bananen, Melonen, Obstkonserven). Besser Gemüsestreifen (Paprika, Sellerie, Möhren) naschen.

Fettes Frühstück
Eier und Speck am Morgen programmieren den Körper den ganzen Tag auf Fettverbrennung. Macht lange satt, lässt den Blutzucker- und Cholesterinspiegel kalt. Wer keine Eier mag: Lachs, Forelle, fetter Quark oder Käse tut’s auch.

Erklärt: Lutz-Diät, Atkins-Diät, LOGI-Ernährung

Lutz-Diät: Heilkost mit Schweinebraten

These
Zu hohe Insulinspiegel verursachen chronische Krankheiten, dazu fördern spezielle Eiweiße aus Getreide (Gluten) Entzündungen und Darmerkrankungen. Dagegen entwickelte der österreichische Arzt Wolfgang Lutz eine fettreiche und kohlenhydratarme Diät, die durch eine Senkung des Blutzucker- und Insulinspiegels Beschwerden in Darm oder Gelenken bessern sollte.

Anwendung
Pro Tag sind 72 Gramm Kohlenhydrate erlaubt – die dürfen auch aus Brot oder Getreideprodukten wie Nudeln stammen. Die Diät erlaubt viel Fett, Geflügel, Fisch, Wurst und Fleisch sowie Butter, Eier und Milchprodukte. Begrenzt erlaubt sind Obst, Kartoffeln, Rohkost, Vollkorn und Gemüse.

Vorteile & Risiken
Die Diät ähnelt der Atkins-Diät, entspricht Studien-Erkenntnissen über den Schlankmacher-Effekt von Eiweiß. Auch der Gehalt an speziellen Fetten (Lecithine, z.B. in Eigelb) kann bei Darmkranken die Beschwerden bessern. Wegen des hohen Eiweißgehalts für Nierenkranke nicht ratsam.

Extra-Tipp
Nachzulesen ist die Diät und ihr Effekt auf Krankheiten im Buch von Wolfgang Lutz: Leben ohne Brot (Informed-Verlag, 22 Euro).

Atkins-Diät: Abspecken mit Fett

These
Ohne Kohlenhydrate aus der Nahrung muss der Körper zur Energiegewinnung Fett abbauen. Es bilden sich im Körper Ketonkörper (Ersatz-Zucker). Das soll die vom US-Kardiologen Dr. Robert Atkins († 2003) entwickelte Fett-Eiweiß-Diät erreichen.

Anwendung
In vier Stufen wird die tägliche Kohlenhydratzufuhr von zunächst 20 Gramm/Tag in den ersten zwei Wochen bis auf 40-60 Gramm/Tag in der vierten Phase erhöht. In Phase 1 gibt es Fett und Eiweiß, dazu Hülsenfrüchte und Nüsse. In Phase 2 kommen u.a. Müsli und mehr Gemüse dazu, in Phase 3 auch Brot, in Phase 4 auch wieder alle Kohlenhydrate.

Vorteile & Risiken
Übergewichtige nehmen mit dieser Art Ernährung schneller und mehr Gewicht ab als mit einer fettreduzierten Mischkost. Herz, Kreislauf oder Blutgefäße werden durch die Diät nicht gefährdet.

Extra-Tipp
Je eher im Körper durch strikten Kohlenhydratentzug Ketonkörper gebildet werden, desto schneller speckt man ab. Ob der Stoffwechsel auf »Ketose« umgeschaltet hat, lässt sich durch Teststreifen (Apotheke) prüfen.

LOGI-Ernährung: Insulin-Dumping mit Steak und Gemüse

These
LOGI steht für »Low Glycemic and Insulinemic«, übersetzt: Niedriger Blutzucker- und Insulinspiegel. Das soll durch eine kohlenhydratarme Kost erreicht werden. Entwickelt wurde das Konzept für übergewichtige Kinder.

Anwendung
Die Lebensmittelauswahl orientiert sich an der vierstufigen LOGI-Pyramide: Ohne Begrenzung erlaubt sind stärkearmes Gemüse, Salate und Obst, dazu Pflanzenöle (Oliven-, Raps, Walnuss-, Leinöl). Oft sind auch Eier, Fleisch, Geflügel, Fisch, Milchprodukte und Hülsenfrüchte erlaubt (Stufe 2). Vollkornprodukte, brauner Reis und Nudeln sollten seltener (Stufe 3), Weißmehl-, Kartoffeln und Süßigkeiten sehr selten oder gar nicht gegessen werden (Stufe 4).

Vorteile & Risiken
Studien bescheinigten der LOGI-Methode, positive Effekte auf den Blutzuckerspiegel bei Diabetikern, auf die Blutfettwerte bei Herzpatienten sowie auf das Gewicht bei Adipositas zu haben. Die Methode gilt als gut geeignet für eine dauerhafte Ernährungsform.

Extra-Tipp
Die Ernährung funktioniert ohne Kalorienbegrenzung. Auch wer gerne Rühreier oder Steaks isst, nimmt hier ab.

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