Magen und Darm beruhigen

Das muss ich erst einmal verdauen

Immer öfter streikt unsere Verdauung. Wir kurieren Durchfall und Völlegefühl gerne mit Pillen – und tun dabei häufig das Falsche.

Magen und Darm beruhigen
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An und für sich ist unser Verdauungskanal recht robust. Aber es kommt der Tag, da zeigt er Befindlichkeiten. Fritz Kahn, Künstler und Mediziner, hat in den 20er-Jahren das Verdauungssystem als Fabrik gezeichnet. Da wo der Mund ist, werden die Brocken eingeworfen. Zahnräder zermalmen sie, ein Arbeiter betätigt die Speicheldrüsen. Über ein dickes Rohr rutscht der Brei in die nächste Verdauungsetage. Kahns Darstellungen orientieren sich an der Wirklichkeit, nur ist unsere Verdauung alles andere als eine Maschine. Sie ist ein kompliziertes biologisches System. (www.fritz-kahn.com)

Zeitnot
Leider haben sich viele Schulmediziner unbewusst die Kahnsche Sicht zu eigen gemacht. Prof. Douglas A. Drossman von der University of North Carolina konstatiert, dass immer mehr auf apparative Verfahren gesetzt würde – auch weil diese lukrativer sind und für das Gespräch mit dem Patienten immer weniger Zeit bleibt. Erhebungen zufolge wird ein Patient nach nur 22 Sekunden Redezeit vom Arzt unterbrochen.

Schulmediziner blenden vieles aus

Es ist paradox: Einerseits verfügt die Medizin heute über unglaubliche Technik, hat die Verdauungsvorgänge fast bis ins Letzte entschlüsselt, andererseits geraten bedeutsame Zusammenhänge mehr und mehr aus dem Blickfeld. Zum Beispiel, dass die Verdauung offensichtlich auch eine Typ-frage ist. »Früher war jedem klar, dass dies etwas mit dem individuellen Temperament zu tun hat«, sagt Dr. Sabine Schäfer. Die anthroposophisch aufgestellte Ärztin meint die alte Säftelehre, derzufolge sich zum Beispiel ein Sanguiniker schwer damit tut, Festes zu verdauen. Sicher nicht unwichtig, wenn es darum geht, einen Patienten zu erfassen. Auch andere Schulen wie die Traditionelle Chinesische Medizin arbeiten mit Typologien.

Reizdarm
Durch den Rost der Schulmedizin fallen häufig auch funktionelle Verdauungsstörungen. Paradebeispiel ist der Reizdarm. Bei den Krankschriften rangiert er auf Platz zwei – hinter Atemwegsinfekten. »Vor 20 Jahren hatte jeder Achte einen Reizdarm, heute ist es jeder Dritte«, sagt Dr. Schäfer. Neben vielen anderen Aspekten wie dem wachsenden Stress spielt Ernährung für die Kasseler Ärztin eine entscheidende Rolle. Unter dem Motto »Gesundsein fußt auf gesunder Verdauung« lehrt sie vornehmlich traditionelles Ernährungswissen.

Zuckergefahr
Die Neuzeit-Empfehlungen sind ihr suspekt. »Denken Sie nur an die Mär vom gefährlichen Ei oder dass Fett fett macht.« In Wahrheit ist es der exzessive Kohlenhydratverzehr, der unsere Gesundheit angreift. Dr. Schäfer: »Nehmen Sie den Darm, feucht, warm, dunkel, der ist wie ein Weinfass. Kommt da reichlich Zucker rein, fangen die Hefepilze an zu wuchern. Das bringt die Darmflora völlig durcheinander.« Das Ergebnis sind Blähungen und »im Blut messbare Immunstörungen«. Das kann nicht überraschen: Immerhin ist der Darm das größte Immunorgan im Körper, 70 Prozent aller Abwehrzellen sind hier stationiert.

Neuordnung
Solche Fragen sind in der gewöhnlichen Praxis kaum Thema. »Weil die Ärzte darüber im Studium nichts gelernt haben«, sagt Schäfer. Wenn Tipps gegeben werden, dann gern Allgemeinplätze – zum Beispiel »mehr Ballaststoffe gegen Verstopfung«. Dabei haben Untersuchungen gezeigt, dass Weizenkleie nur einem von fünf Patienten mit Verstopfung hilft. »Ein kranker Darm verträgt keine gesunde Nahrung«, ist die Formel von Dr. Robert M. Bachmann. Darum therapiert der auf Naturheilverfahren spezialisierte Mediziner gereizte Mägen und Därme zunächst einmal mit einer Auszeit. Die F.X.Mayr-Kur als eine Art Neustart. Sie besteht im Wesentlichen aus Darmreinigung, einer mehrwöchigen Schonzeit für den Darm und einer Colonmassage.

Der Darm braucht auch mal Pause

Es ist nicht die altbackene Semmel, auf die es ankommt, sondern die Monotonie und die Kauschulung. Nicht schlingen ist eine Lehre für die Zeit danach. Eine andere: Wenn, dann nur kleine Mengen zum Essen trinken. »Sonst verdünnt man die Verdauungssäfte und spült Halbzerkautes runter«, so Bachmann. Woraus im Dickdarm dann wieder Fäulnisgase entstehen. Mit Blick auf die innere Uhr des Darms rät Bachmann noch dazu, regelmäßig und nicht zu spät zu essen. »Der Darm braucht auch mal eine paar Stunden, in denen er keine feste Nahrung verdauen muss.«

Kritik
Solche Intensivdiätetik (inklusive Darmreinigung) sieht die Schulmedizin kritisch. Angeblich könne Fasten sogar einen Reizdarm lostreten. »Ich sehe genau das Gegenteil«, sagt Bachmann. Nach einer Fastenkur hätten die Leute einen frischeren Teint, eine bessere Körperhaltung und fühlen sich wohler. Letzteres hat viel mit der engen Verquickung von Hirn und Psyche zu tun. Der Darm produziert diverse Neurohormone, die auch die Stimmungslage beeinflussen.

Yoga
Auch Kundalini-Yoga »fokussiert bei seinen auf Darm und Verdauung ausgerichteten Übungsreihen primär auf die Psyche«, sagt Simone Schuck-Giesinger, Berlin. Dass er dabei auch durchbewegt wird, ist ein willkommener Nebeneffekt.

Wobei Dünndarm und Dickdarm mit anderen Knackpunkten assoziiert werden. »Nicht gewürdigt werden, unter Druck stehen, Selbstsucht drücken sich über den Dünndarm aus«, so die Yoga-Lehrerin. Dickdarmprobleme, im Besonderen Verstopfung, stehen dagegen für negatives Denken, Festhalten, geistige Verstopfung.

Fazit
Der Darm ist kein Automat, der im Falle einer Störung mit einem Handgriff, einer Pille wieder rund läuft. Man sollte sich alle Einflussfaktoren vergegenwär­tigen. Auch Stress macht Durchfall: Abführmittel sind hier nicht die ganze Lösung. Klar muss sein, für eine funktionierende Verdauung sind vor allem wir selbst verantwortlich.

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