Hunde als Helfer

Hund, Freund, Helfer

Assistenz- und Therapiehunde bewirken jeden Tag kleine Wunder. Was sie alles draufhaben und wie man selbst an eine rechte Hand auf vier Pfoten kommt

Socken ausziehen, Türen schließen, Lichtschalter bedienen, die Waschmaschine ausräumen, Schubladen öffnen, die Fernbedienung holen: für die einen Alltagshandgriffe, die sie völlig ­unbewusst verrichten, für die anderen schlicht nicht zu leisten. Wie für Jens Hilbert etwa, der an einer fortschreitenden Muskelerkrankung leidet.

Hoch motiviert. Alles, was er nicht kann, erledigt sein Assistenzhund Aquensis mit größter Hingabe und Sorgfalt. Wie fast alle Labradore zeichnet Aquensis ein ausgepräger sogenannter Will to please, also der Wunsch zu gefallen, aus: Stets wird sein Schnauzen- und Pfoteneinsatz von eifrigem Schwanzwedeln begleitet; was für menschliche Handreicher auf Dauer lästig wäre, ist für Aquensis ein ewiges Spiel mit Herrchen. Trotzdem darf man nicht unterschätzen, was der Rüde und seine Hundekollegen täglich leisten. Die Ausbildung zum Assistenzhund dauert mindestens ein Jahr und ist unverzichtbar, um aus einem verspielten Welpen einen zuverlässigen Partner für Gehandicapte zu machen, der auch bei Stress unerschütterlich seinen Job erledigt.

Seelentröster und Brückenbauer

Assistenzhunde sind aber viel mehr als praktische Helfer im Alltag, sagt Marie-Christin von Wnuk-Lipinski, Geschäftsführerin des Vereins Vita Assistenzhunde. »Sie sind vor allem Freunde und Seelentröster, aber auch Eisbrecher und Brückenbauer, die gesellschaftliche Vorurteile und Hemmschwellen abbauen.« Durch den Hund, so weiß sie, steigen Selbstvertrauen, Unabhängigkeit und Lebensmut. Das gilt für den Behindertenbegleithund ebenso wie für den Blindenführhund oder den Signalhund für Schwerhörige, der seinem Halter etwa mittels Körpersprache anzeigt, ob es an der Tür geklingelt hat oder jemand Herrchens Namen ruft.

Begabt. Die Vierbeiner haben jedoch noch mehr erstaunliche Talente: Es gibt Asthma-, Epilepsie- oder Diabeteswarnhunde, die mit ihren feinen Nasen Veränderungen im Stoffwechsel wahrnehmen und ihren Menschen frühzeitig vor einem Anfall oder Unterzuckerung warnen, im Notfall gar selbstständig einen Hilferuf absetzen können. Und es gibt Therapiehunde, die Patienten in schweren Sitzungen unterstützen, ihnen Sicherheit vermitteln und sie für die Therapie öffnen. Das kann Lutz Hehmke nur bestätigen – er ist Hundetrainer, Kynotherapeut und Inhaber der Berliner Hundeschule Human Dogs und besucht regelmäßig mit seinen Therapiehunden das Pflegeheim Albert Schweitzer Stiftung (ASS) in Berlin-Blankenburg: »Die Motivation, die ein Therapiehund bei den meisten Klienten auslöst, ist von einem allein arbeitenden menschlichen Therapeuten kaum zu erzeugen.«

Er hat gelernt, sich nie auf die Einschätzungen der Pflegekräfte zu verlassen: »Fast täglich wird mir von Beobachtern meiner Therapierunde zwischendurch zugeflüstert: ‚Herr X oder Frau Y kann das nicht!‘ Dabei kann es um Bewegungen gehen, um Lesen oder Sprechen, um Konzentration.« Und dann erlebt er, dass die Betroffenen genau diese Dinge mithilfe der Hunde doch hinkriegen. »Die meisten Menschen geben sich für ein Tier viel mehr Mühe als für einen Therapeuten.«

Alle Aufgaben sind dabei spielerisch verpackt, sodass die Teilnehmer der Therapierunden den Eindruck bekommen, es ginge nur darum, dem Hund eine Freude zu machen, während tatsächlich etwa ­Kognition, Sensorik, Motorik und Kommunikation geübt werden: Die Heimbewohner lassen den Hund mittels Kommando oder Handzeichen Sitz machen und belohnen ihn dafür, müssen sich Abfolgen merken und haben dann ein Erfolgserlebnis, das für die nächste Aufgabe motiviert.

Heimbewohner blühen richtig auf

So einfach kann – dank Therapiehund – Lebensqualität zurückgewonnen werden. »Gerade Bewohner, die eher verschlossen sind oder Sprachstörungen haben, blühen regelrecht auf durch den nonverbalen Kontakt und die ganz besondere Zuneigung, die die Hunde geben. Sie werden offener und kommunikativer, aber auch die Feinmotorik wird durch die Übungen gefördert«, berichtet Martina Petri, Pflegedienstleiterin in der ASS.

Finanzierung. Bezahlt werden die ­Angebote zur tiergestützten Therapie in Alten- und Pflegeheimen entweder von den Einrichtungen selbst, wie es beim ASS der Fall ist, von der Pflegekasse oder von den Besuchten selbst. Bei den Assistenzhunden, die von einem einzelnen Halter übernommen werden, kommt es auf die Art der Behinderung an: Während Blindenführhunde in der Regel von den Krankenkassen finanziert werden, ist das bei allen anderen Assistenzhunden nur selten der Fall – hier sind die Betroffenen meist auf die Mithilfe durch Vereinsmitglieder, Spenden und Sponsoren angewiesen, um sich einen der sehr kostspieligen vierbeinigen Helfer anschaffen zu können.

»Auch wer die Ausbildung des Hundes mithilfe eines Trainers selbst bewerk­stelligt und keinen fertig ausgebildeten Hund aus unserem Verein übernimmt, muss mit allen einfließenden Kosten durch Anschaffung des Hundes, Tierarzt und Trainer von ungefähr 20 000 Euro ausgehen«, sagt Kerstin Gerke, Trainings­koordinatorin im Verein Hunde für Handicaps. Sie rät Betroffenen, selbst auch Stiftungen anzuschreiben oder Anträge bei den Sozialversicherungen zu stellen, um sich unterstützen zu lassen. Weitere Informationen zur Finanzierung finden Sie weiter unten.

Der Weg zum eigenen Assistenzhund

Wer echten Bedarf an einem Assistenzhund hat, entscheiden die Hundetrainer der Vereine von Fall zu Fall: »Eine Knie­arthrose oder eine vorübergehende Mobilitätseinschränkung nach einer Operation reichen nicht, um diesen Bedarf zu rechtfertigen«, so Kerstin Gerke.

Wahre Freunde. Darüber hinaus muss aber immer die Chemie zwischen Hund und neuem Halter stimmen. »Wir lernen die Menschen, die zu uns kommen, kennen und schauen: Hat derjenige ein grundsätzliches Verständnis für Tiere, tritt er dem Tier gegenüber angstfrei auf? Außerdem stellen wir sicher, dass der Bewerber den Hund auch als sozialen Partner und nicht nur als Hilfeleister sieht. Und dann muss natürlich auch klar sein, dass er den Assistenzhund dessen ganzes Leben lang tiergerecht halten kann.« Ist es dem Betroffenen selbst zum Beispiel nicht möglich, täglich mehrmals mit dem Vierbeiner Gassi zu gehen, muss das ein anderes Familienmitglied übernehmen können.

Am Ende entscheidet der Prüfer

Ist das alles gewährleistet und ein passender junger Hund im Verein verfügbar, wird der neue Halter mit seinen individuellen Bedürfnissen in die weitere Ausbildung des Tieres eingebunden. Nach etwa einem halben gemeinsamen Jahr muss das Mensch-Hund-Team dann noch eine Prüfung vor einer unabhängigen Kommission ablegen. »Dabei wird genau gecheckt, wie gut der Hund geschult ist, ob er wirklich zu den Bedürfnissen des neuen Halters passt und ob dieser mit dem Hund zurechtkommt«, so Gerke. Erst wenn diese sogenannte Assistenzhund-Team-Prüfung bestanden ist, darf der Vierbeiner endgültig bei seinem neuen Besitzer einziehen. Das Paar erhält aber auch danach noch Unterstützung durch den betreuenden Verein.  

Spezialisten. Wer seinen Hund trainergestützt selbst ausbilden möchte, sollte bei der Wahl des Trainers unbedingt auf die richtige Qualifikation achten, rät die Expertin von Hunde für Handicaps e. V.: »Der Anbieter sollte sich mit körperbe­einträchtigten Menschen auskennen und mindestens eine Fortbildung zum Assistenzhundetrainer vorweisen können«, ­betont Kerstin Gerke. Finden kann man Trainingsspezialisten beispielsweise über den Berufsverband der Hundeerzieher (www.hundeschulen.de).

Therapiehund? Den habe ich selbst!

Brav, geduldig, menschenbezogen – manche Hundebesitzer haben selbst ein echtes Therapietalent zu Hause sitzen. So wie Evelyn Brinck, die mit ihrem lieben Bolon­ka Zwetna-Rüden Bommel fünfeinhalb Jahre lang alte Menschen in einem Pflegeheim besuchte – ein großartiger Weg, Ehrenamt und Hobby zu verbinden.

Schulung. Doch lieb sein und Grundgehorsam allein reichen für einen Therapiehund noch nicht, weiß Hundetrainer Lutz Hehmke. »Man sollte seinen Hund behutsam an die zukünftige Arbeitssituation gewöhnen: viele fremde Geräusche, Gerüche und Menschen, die ihm sehr nahe kommen, alles fokussiert sich auf das Tier – dass es das akzeptiert, setzt eine starke Bindung und großes Vertrauen zwischen Hund und Halter voraus.«  
Vereine wie Leben mit Tieren e. V. bieten an, die Eignung des Hundes profes­sionell festzustellen. Darüber hinaus ­sollten Mensch und Tier vor dem Einsatz unbedingt geschult werden – auch wenn es nur um den Besuchsdienst im Krankenhaus oder Altenheim geht.

 

Kosten: Kaum Hilfe von der Krankenkasse

Ausbildung: Zwei bis dreieinhalb Jahre dauert es, bis ein Welpe zum Assistenzhund geworden ist, der mindestens drei Hilfe­leistungen beherrscht und zuverlässig apportiert. Daraus ergeben sich 20 000 bis 25 000 Euro Anschaffungskosten für den neuen Besitzer. Hinzu kommen die lebenslange Nachbetreuung durch die Hundetrainer sowie die normalen Haltungskosten für Tierarzt, Ausstattung, Versicherung und Futter.

Übernahme: Bisher erkennen gesetzliche und private Krankenkassen nur Blindenführhunde als Hilfsmittel an: Stimmen Medizinischer Dienst der Krankenkassen und Führhundschule zu, übernimmt die Kasse die Ausbildungskosten. Assistenzhunde für Menschen mit körperlicher Behinderung werden in der Regel nichtvfinanziert: »Hilfsmittel müssen die Auswirkungen der Behinderung im gesamten täglichen Leben beseitigen oder mildern«, so Claudia Widmaier vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen. Anders als bei Blindenhunden sei dies bei Behindertenbegleithunden nicht der Fall, da sie die Betroffenen nur in einzelnen Alltagssituationen unterstützen könnten.  

Anzeigehunde: Für Diabetiker gilt, dass es ­andere, deutlich kostengünstigere Hilfsmittel als einen Diabetikerwarnhund gibt, die vor Unterzuckerung warnen. Auch einen Epilepsiewarnhund muss der Betroffene bislang selbst bezahlen.  

Spenden: Übernimmt man seinen vierbeinigen Helfer von nam­haften Vereinen wie Vita e. V. Assistenzhunde oder Hunde für Handicaps e. V., kann man auf finanzielle Unterstützung durch Spenden, Förder­mitglieder und Sponsoren hoffen. Die Vereine setzen sich dafür ein, dass auch die Ausbildung von Assistenz- und Therapiehunden von den Kassen gefördert wird.

 

Text erstellt am 08.10.2019

Artikel von Wiebke Hugen verfasst
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